Die Meinungsfreiheit, die Angst und der Mut

Gletscherblicke im Ötztal …

Da hatten wir doch 2024 aus Anlass des 300 Jahre zuvor geborenen Philosophen und wichtigsten Aufklärers ein ganzes Jahr lang kluge Ansprachen mit allerlei Zitaten und Diskussionen genossen. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ gilt als der auf Immanuel Kant zurückgehende Leitspruch jener Aufklärung, den er in seinem 1784 veröffentlichten Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ formuliert hatte.

Aktuell ist im Lande Kants wirklich Mut nötig, wenn sich aus den Meldungen der öffentlich-rechtlichen Kanäle und der sich als Leitmedien verstehenden Presseorgane Meinungen ergeben, die hochoffiziell unerwünscht sind.

Da wird schon mal eine Demo verboten, deren Initiatoren sich gegen den israelischen Gaza-Krieg wenden, weil damit „Antisemitismus“ verbreiet werde. Da haben doch viele Angst, trotzdem für ihre Meinung zu demonstrieren und vielleicht im Knast zu landen.

Oder der Vorwurf, ein „Putin-Versteher“ und ein Befürworter von dessen „brutalem Angriffskrieg“ zu sein, ereilt eine Zeitgenossin bzw. einen Zeitgenossen, wenn er oder sie meint, die Regierung der Ukraine sei vor 2022 mit ihrem Streben in die NATO nicht ganz unschuldig gewesen und habe Russland gar provoziert.

Wozu taugt dann noch die garantierte Meinungsfreiheit? Man darf einfach keine Angst zeigen, meint meine Frau, die 40 Jahre DDR-Regierung erlebt hat.

„Mut, auch Wagemut oder Beherztheit, bedeutet, dass man sich traut und fähig ist, etwas zu wagen, das heißt, sich beispielsweise in eine gefahrenhaltige, mit Unsicherheiten verbundene Situation zu begeben. Diese kann eine aktivierende Herausforderung darstellen wie der Sprung von einem Fünfmeterturm ins Wasser oder die Bereitschaft zu einer schwierigen Prüfung. Sie kann aber auch in der Verweigerung einer unzumutbaren oder schändlichen Tat bestehen.“ (Wikipedia)

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art. 5 

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Ordnung+Sauberkeit=Artenschwund

Gut und praktisch sieht es aus, das seit ein paar Tagen frische Pflaster an der Strother Straße zwischen dem Parkplatz rechts und der Sparkassenfiliale links. Jahrzehntelang war hier eine schulterhohe Hecke, die in Erdreich wurzelte, im Frühjahr auch blühte. Sie zog aber offensichtlich nicht nur Insekten und Vögel an, sondern „verleitete“ auch des öfteren einige Menschen dazu, verantwortungslos leere Getränkedosen oder -flaschen, leere Plastiktüten sowie reichlich Zigarettenkippen wegzuwerfen. Damit ist jetzt Schluss.

Dass Grundstückseigentümer und Stadtverwaltung diese Konsequenz zogen ist zwar verständlich. Aber das Verschwinden dieses kleinen Stückchens Natur ist insgesamt wieder mal ein typisches Beispiel für den allgemeinen Umgang mit „Mutter Natur“, auch wenn eines Tages in dem noch freien runden Mittelstück ein Baum gepflanzt werden sollte.

Nachruf II

»Wir können nicht alle Helden sein, aber wir können wenigstens menschlich sein«: Margot Friedländer (5.11.1921—9.5. 2025)

Einfach und wahr

(Aus der Zeitung junge Welt vom 14. Mai 2025 wird hiermit dieser Nachruf mit Dank und Anerkennung weitergereicht.)

Zum Tod der Holocaustüberlebenden und Zeitzeugin Margot Friedländer Von Gerhard Hanloser

(Achtung: Nach dem Lesen dieses Artikels kann es passieren, dass man bedauert, dieser Persönlichkeit nicht begegnet zu sein.)

Margot Friedländer, Überlebende des Konzentrationslagers Theresienstadt, ist am Freitag im Alter von 103 Jahren in Berlin gestorben. Nachdem sie 1946 nach New York gezogen war, kehrte sie mit 88 Jahren nach Deutschland zurück – nach Berlin, wo sie 1938 die Pogromnacht miterlebt hatte. Sie kannte den Verrat und die Denunziation. Ihr Bruder wurde von der Gestapo abgeholt, im Januar 1943. Ihre Mutter folgte ihm, wollte ihn nicht alleine lassen. »Versuche, dein Leben zu machen«, ließ die Mutter Margot über Nachbarn ausrichten. Diese händigten ihr auch die Handtasche der Mutter mit deren Adressbuch und einer Bernsteinkette aus. Kleine Gesten der Unterstützung. Bis zuletzt behielt sie diese Erinnerungsstücke.

Ihr Vater, streng religiös und eher deutsch-national eingestellt, mit Eisernem Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet, schätzte die Gefahr, die ihnen als Juden in Deutschland drohte, falsch ein. So ging es vielen bürgerlich und national eingestellten deutschen Juden. Als die Eltern von Margot schließlich doch in die USA auswandern wollten, stellte sich der Vater quer. Überraschend reiste er ohne seine Familie nach Belgien, von dort nach Frankreich. Die Mutter war alleine mit den beiden Kindern. Erst lebten sie in Berlin-Mitte, dann ab 1941 in der Skalitzer Straße 32 in Berlin-Kreuzberg. Als mögliches Fluchtziel tat sich Shanghai auf. Da die beiden Kinder noch nicht volljährig waren, brauchte die Mutter für die Ausreise die Genehmigung des Vaters, von dem sie mittlerweile geschieden war. Er verweigerte sie brieflich. Die Nazis verhafteten ihn schließlich und deportierten ihn nach Auschwitz.

15 Monate konnte Margot, die damals noch den Nachnamen Bendheim trug, bei 16 Berlinern versteckt überleben. Sie hatte sich die Haare rot gefärbt, die Nase verändert. Jüdische Greifer, die mit der Gestapo zusammenarbeiteten, stellten sie schließlich. Bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt musste sie Zwangsarbeit leisten. Sie überlebte als einzige ihrer Familie, später hatte sie Schuldgefühle. Im KZ Theresienstadt traf sie Adolf Friedländer, den sie bereits von ihrer Arbeit als Kostümschneiderin beim Jüdischen Kulturbund kannte. Gemeinsam überlebten sie den Holocaust, heirateten und reisten 1946 per Schiff nach New York, wo sie die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten annahmen.

Ihre Geschichte erzählte Margot Friedländer leise, doch mit großer Präzision. Sie besuchte bis vor kurzem noch Schulklassen und blieb den Schülern dort, vom desinteressiertesten bis zum strebsamsten, in lebhafter Erinnerung. Auch den Lehrern ging es so, vom linken über die obligatorisch grün-liberalen und sozialdemokratischen bis zum konservativen Kollegen. Bei einem Zeitzeugengespräch in einer Neuköllner Schule im Februar 2023 riss man ihr ihre Autobiographie, die sie unter Mithilfe der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger geschrieben und 2008 veröffentlicht hatte, förmlich aus der Hand, jeder wollte ein Selfie machen. Sie sagte: »Ich bin fix und fertig, ich werde alt« – war aber hochzufrieden, glücklich und von der Resonanz bewegt.

Friedländer kam als Anwältin der Menschlichkeit. Sie, die ihren Vater, die Mutter und ihren Bruder in Auschwitz verloren hatte, zog universalistische Lehren aus den Naziverbrechen. »Menschen müssen respektiert werden – ganz egal, welche Religion sie haben«, sagte sie im November 2023 dem WDR. Ihre Botschaft war einfach und wahr: »Wir sind alle gleich! Seid Menschen! Respektiert Menschen!« Besonderes pädagogisches Geschick zeigte sie darin, dass sie neue Generationen zwar zum Handeln herausforderte, aber nie überforderte: »Wir können nicht alle Helden sein, aber wir können wenigstens menschlich sein« – was menschenrechtlich bewegte junge Menschen in besonderer Weise ansprach. Mit Nachdruck betonte sie, dass diejenigen, die direkt Zeugnis über die Nazizeit ablegen können, aussterben. Die jungen Menschen, die sie stets liebevoll betrachtete, müssten nun die Zeitzeugen werden.

Politischer Instrumentalisierung jeder Art entzog sich Friedländer. Als Mahnerin eines politisch interessierten »Nie wieder ist jetzt!« wollte sie nicht benutzt werden. Als Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Hamas als »die neuen Nazis« bezeichnete, widersprach Friedländer. Sie erklärte, der Holocaust und ihre Erlebnisse seien ihr immer präsent. Die Massaker der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober 2023 kommentierte sie: »Ich werde die Sache nicht los, als ob es gestern wäre. Und natürlich sehe ich nach diesen Morden die Bilder von damals wieder vor mir.« Doch betonte sie, dass wir in anderen Zeiten leben und solche Gleichsetzungen wenig sinnvoll sind.

Im Sommer 2023 gründete sie noch die Margot-Friedländer-Stiftung, die ihr Lebenswerk fortführen soll. Die Stiftung wird auch den Margot-Friedländer-Preis verleihen, der Initiativen von Schülern und Eltern auszeichnet, die sich beispielhaft für Demokratie, Menschlichkeit, Toleranz und die Zukunft der Erinnerung einsetzen.

Mehr als ein Nachruf

„Unermüdlich kämpfte sie gegen Rassismus, Ausgrenzung, Hass. Und je älter Margot Friedländer wurde, desto wichtiger wurde sie für dieses Land.“ So hat Christoph Amend seinen Nachruf auf Zeit Online für jene Überlebende des KZ Theresienstadt eingeleitet, die nach ihrer Befreiung zwar zunächst nach Amerika emigrierte, aber wieder nach Deutschland kam, um mit Ausdauer und Menschlichkeit nicht nur in Schulen als Zeitzeugin zu wirken. Bewunderung und Dankbarkeit finden sich in allen erreichbaren Nachrufen.

Auf Zeit Online gefunden und mit Dank weitergereicht:

Tod von Margot Friedländer: Sie war so sehr Mensch

In ihren letzten Lebensjahren gewann Margot Friedländer als Botschafterin für die Menschlichkeit überlebensgroße Bedeutung. Eine Erinnerung

Von Götz Hamann

10. Mai 2025, 16:13 Uhr 96 Kommentare

Die fünfstöckige Torte, vor der Margot Friedländer an ihrem 102. Geburtstag stand, war fast halb so groß wie die zierliche Frau. Wie immer hatte sie in eine repräsentative Privatvilla geladen, die nicht ihre eigene war, die Gäste waren in der großzügigen Küche zusammengekommen. Die Torte, ein erbackenes Kunstwerk von Martin Werthmann, stand auf der Kochinsel, und als alle Kerzen angezündet waren, begannen die Gäste Viel Glück und viel Segen zu singen. Friedländer, in der Mitte stehend, das Gesicht auf Höhe der Kerzen, war hell erleuchtet. Sie lächelte. Neben ihr stand der Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, und nachdem das Lied zu Ende war, alle applaudiert und gejubelt hatten, bliesen die beiden gemeinsam die Kerzen aus. Also sie versuchten es. Denn es waren 102 Kerzen, die auf dem Tortenplateau wie ein dichter Wald zusammenstanden. Schließlich schafften sie es doch.

Dieser Moment ist wie eine Metapher für das, was Margot Friedländer für viele Menschen in Deutschland war. Ein Mittelpunkt. Ein Licht. Wie viele Leben in Berlin und in ganz Deutschland hat sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten wohl bereichert? Seitdem sie, nach mehr als sechs Jahrzehnten in New York, 88-jährig in ihre Heimat Berlin zurückgekehrt war. Als ich sie vor zwei Jahren besuchte, holte Margot Friedländer irgendwann einen großen Stapel Kalender aus einer Schublade, sie legte sich die Bücher auf den Schoß, begann zu blättern. Auf den Seiten war notiert, wo sie überall schon gesprochen hatte und aufgetreten war, in wie vielen Schulen Margot Friedländer ihre Geschichte erzählt hatte. Ihre Geschichte, wie sie sich als deutsche Jüdin vor den Nationalsozialisten verstecken musste, wie sie später im Konzentrationslager Theresienstadt überlebte – und wie sie gerettet wurde. Als einzige ihrer direkten Familie überlebte Friedländer die Schoah.

Tod von Margot Friedländer: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert Friedländer im November 2023 nachträglich zu ihrem 102. Geburtstag.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert Friedländer im November 2023 nachträglich zu ihrem 102. Geburtstag. © Bernd von Jutrczenka/​dpa

Botschafterin der Herzensbildung

Ihr Überleben sollte einen Sinn haben, entschied Friedländer. Sie wollte Kinder und Jugendliche für ihre Botschaft gewinnen, menschlich zu handeln, damit so etwas wie während der Gewaltherrschaft der Nazis nie wieder geschehen kann: der Mord an sechs Millionen Juden und vielen anderen mehr, die Friedländer nie zu erwähnen vergaß. Sie war eine Botschafterin der Herzensbildung. Der Historiker Michael Wolffsohn hat kürzlich gesagt, für Herzensbildung brauche es kein Wissen, brauche es keinen Universitätsabschluss. Herzensbildung setze früher ein. Margot Friedländer hat genau das getan: Sie hat zur Herzensbildung von vielen Hunderttausend Deutschen beigetragen.

„Trierer Rede“: Freiheit in den Demokratien akut gefährdet

Weitergereicht und empfohlen!

(pe) Bei der „Trierer Rede“, die auf Einladung der Stadt Trier jährlich am 5. Mai zum Geburtstag von Karl Marx stattfindet, setzte sich der Publizist und Historiker Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk in der voll besetzten Promotionsaula mit der hochaktuellen Frage auseinander, welchen Stellenwert Demokratie und Freiheit in der heutigen Gesellschaft haben. Angesichts vielfältiger Bedrohungen durch aggressive und autoritäre Entwicklungen auf internationaler Ebene, nicht zuletzt mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, aber auch in der Innenpolitik, ist er eher pessimistisch: „Die Freiheitserfahrung durch den Mauerfall 1989 hat für mich das größte politische Glück meines Lebens bedeutet. Ich habe aber die Gewissheit von 1989 verloren, nie wieder Diktatur und Unfreiheit zu erleben“, so Kowalczuk. Die Lage sei auch deswegen so dramatisch, weil der Kampf um Freiheit nicht nur in Deutschland geführt werde, sondern in vielen Ecken der Welt. Trotz allem hoffe er weiterhin, dass seine pessimistischen Befürchtungen nicht eintreten würden. 

Im ersten Teil seiner Rede plädierte Kowalczuk nach der Begrüßung durch Kulturdezernent Markus Nöhl unter anderem dafür, Karl Marx losgelöst von dem ideologischen Missbrauch durch die kommunistischen Regimes zu sehen und seine bemerkenswerten Ideen zum Thema Freiheit neu zu entdecken. Die Aufzeichnung der „Trierer Rede“ 2025 ist über den Trierer Bürgerrundfunk verfügbar: www.ok54.de.

ÖPNV-Nachricht aus dem Autoland

ÖPNV-„Hilferuf“: Bundesländer wollen mehr Geld vom Bund | BR24

„Pars pro toto“ sagten die klassischen Römer wenn sie feststellten, dass man in einem Teil das Typische eines Ganzen erkennen könne. So wie hierbei, warum Busse in ländlichen Städten und Regionen so wenig genutzt werden.

Eigentlich ist es nichts Ungewöhnliches: Bei knapp 50 Millionen PKW auf Deutschlands Straßen gibt es öfter mal Pannen und dann wird ein Abschleppdienst gebraucht. Wenn es sich um die Familienkutsche handelt muss sie wenn möglich repariert werden und steht eine Weile nicht wie gewohnt zum privaten Individualverkehr zur Verfügung für die alltäglichen Besorgungen.

Kürzlich traf es uns. Kupplung kaputt. Am nächsten Tag hatte ich einen Routine-Termin beim Physiotherapeuten. Bisher dauerte es mit dem Auto dorthin höchstens eine Viertelstunde. Da könnte ich ja endlich mal auch den Örtlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen, dachte ich. Denn etwa 120 Meter von unserer Wohnung haben wir eine Bushaltestelle für den Stadtbus!

Als wir vor vier Jahren unseren Wohnsitz nach Korbach verlegten, bekamen wir bei der Ummeldung mit einigen anderen hilfreichen Unterlagen auch einen Fahrplan für die städtischen Buslinien. Da der aber leider, also natürlich nicht zu finden ist, erkundigte ich mich telefonisch im Rathaus nach einer passenden Verbindung.

Die freundliche Dame vom Bürgerbüro vermittelte mich an einen Herrn, der mir erklärte, dass die Stadt derzeit nur zwei Busse auf den vorgesehenen Linien fahren habe, die beide das Ziel Hauptbahnhof haben, wo man in den Bus einer anderen Linie umsteigen könne. Manchmal sei das dann auch derselbe Bus, der nur die Nummerierung gewechselt habe. In meinem Fall wäre das dann die Linie 5, die dann aber durch das Gewerbegebiet und schließlich an der Haltestelle meines Zieles vorbei führe.

Auf die Frage, wieviel Zeit ich dafür brauche, antwortete er: „Dann müssen Sie etwa mit einer Stunde Fahrtzeit rechnen.“

Zum Glück fand ich an dem Tag in der Verwandtschaft jemanden mit Auto und etwas Zeit.

Der nochmal davongekommene Vaterlandsverteidiger

Aus Opas unordentlichem Leben (2)

Im Jahr meiner Geburt war der 2. Weltkrieg so lange noch ein Europa-Krieg, bis die ach so kriegstüchtige deutsche Armee, genannt Wehrmacht, am 22. Juni mit mehr als 3 Millionen Soldaten die Sowjetunion überfiel. Kein Wunder, dass deutsche Frauen vom herrschenden NS-Regime ermutigt wurden, möglichst viele Kinder zu bekommen. Meine noch ledige, gerade 17-jährige Mutter Eleonore Noll und mein noch in erster Ehe verheirateter Vater Hans Zimmermann hatten sich durch gemeinsame Schauspielerei in Koblenz kennen gelernt.

Folglich lag ich im Frühjahr 1941 im Kinderwagen vor dem Friedländer Weg 58 in der Universitätsstadt Göttingen und wartete auf meine Zukunft. Dass ich in den folgenden vier Jahren nicht nur in München amerikanische Bombenangriffe sondern 1945 in Dresden die schweren britischen Bombenangriffe überleben würde, hätte vermutlich niemand für möglich gehalten. Vorsichtigen Schätzungen zufolge forderten letztere etwa 25.000 Menschenleben. (Vielleicht fühlt sich mancher beim Anblick des Fotos von der zerstörten Dresdener Altstadt an neuere Bilder aus Gaza oder Beirut erinnert?)

„Wenn Deutschland gesiegt hätte, müssten wir jetzt bestimmt irgendwo in der Ukraine Wache schieben“, scherzte mein Freund Freddy auf der Geburtstagsfete, als ich 21 Jahre alt wurde. Wegen unseres Abitur-Lehrgangs waren wir vom Wehrdienst freigestellt worden. Damals bestand noch Wehrpflicht, es herrschte Kalter Krieg zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen System, und gegen den „Dienst an der Waffe“ musste man notfalls seine Gewissensentscheidung juristisch verteidigen.

Aus einem dieser Verfahren kursierte die folgende Fangfrage: „Was machen Sie, wenn ein Russe mit seiner Kalaschnikow vor Ihnen steht?“

So eine Frage musste ich – nach meinem Abi – deswgen nicht beantworten, weil Vater inzwischen von Salzburg in die DDR nach Gera umgezogen war und ich somit als Verwandter ersten Grades für die Bundeswehr ein Sicherheitsrisiko geworden wäre. Als Beleg brauchte ich nur ein Briefkuvert mit seinem Absender und einem neueren Poststempel vorzulegen.

Derzeit ist mal wieder viel über Russland zu lesen, zu hören und zu sehen. Wer dabei an Propaganda denkt, könnte Recht haben. Deutschland müsse unbedingt bald „kriegsfähig werden“ heißt die – sich wie in Echokammern wiederholende – Parole. Zwar sind wir (noch) mit Russland nur in einem Wirtschaftskrieg, aber doch nur deswegen, weil unsere Regierung ebenso wie die EU beschlossen hat, die Ukraine in dem angeblichen „Verteidigungskrieg“ gegen Russland um jeden Preis mit reichlich Waffen und viel Geld zu unterstützen.

Wenn wir sowieso die Bundeswehr haben, muss sie sich auch mal gegen jemand wehren können, scheinen nun unsere politischen Spitzen zu meinen. Und wie begründet man gegenüber dem Volk die 1,7 Billionen Euro neue Schulden, die für die Aufrüstung gebraucht werden? Schon um 1513 riet Niccolò Machiavelli im Il Principe den Regierenden, dem Volk vor einem gemeinsamen Feind Angst zu machen, damit es infolge dessen leichter beherrschbar ist. Nach Covid 19 nun also wieder Russland. Aha! Den nach Ende des Kalten Krieges aufgelösten Heimatschutz gibt es wieder: „Zum 1. April 2025 werden die Heimatschutzregimenter und Heimatschutzkompanien, die bisher den Landeskommandos unterstellt waren, dem Kommando Heer unterstellt.“ (Wikipedia)

Wer – bitte – kennt noch die Forderung „Frieden schaffen ohne Waffen“? Dafür bräuchte es auch keine Diskussion um die Schuldenbremse, aber guten Willen.

Auf ein Neues! Oder?

„Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht!“ kommentierte meine Mutter, manchmal mit einem Schmunzeln, kopfschüttelnd so manche erstaunliche Beobachtung. Heutzutage könnte sie damit kaum noch aufhören.

Nicht nur, dass wir ringsum von lauter Krisen umzingelt sind und dessen ungeachtet Verwandten und Freunden ein Frohes Neues in der Gewissheit wünschen, dass die bevorstehende Wahl zum Bundestag voraussichtlich bestenfalls ein fragwürdiges Ergebnis bringen wird. Und dass der Amerikaner Elon Musk, momentan reichster Mann der Welt und im Nebenberuf Hauptsponsor des nächsten Präsidenten Donald Trump, sich mit seiner Wahlempfehlung in der „Welt am Sonntag“ hervortun durfte, hätte der Mutter die Erkenntnis bestätigt „Geld regiert die Welt“.

Dem können die deutschen Panzer-, Flugzeug- und Raketenbauer gemeinsam mit deren Aktionären natürlich nur zustimmen, während Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher sehen, wie ihre Steuergelder statt in deutsche Schulen, Straßen und Brücken in die Hilfen für die kriegführenden Staaten Ukraine und Israel investiert werden.

Aber auch unsere Gewohnheiten als Konsumenten im Alltag berücksichtigen kaum die als richtig erkannten Notwendigkeiten. Beispielsweise landen in den Einkaufswagen vielzuviele Dinge, die zwar nicht lebensnotwendig aber lecker (oder nützlich) und auch noch mit Plastikfolie verpackt sind. In vielen Städten (wie Korbach) mit von Autos verstopften Straßen fahren fast leere Busse, die auch nur langsam voran kommen.

Auch wenn der (wahrscheinlich) menschengemachte Klimawandel (das abgelaufenen Jahr war wohl das wärmste seit Menschengedenken) aufgehalten werden soll, wollen wir uns doch wenigstens noch mal an ein paar Böllern und einem schönes Feuerwerk erfreuen, obwohl dabei der Feinstaub und die Hinterlassenschaften Luft und Boden vermüllen!

Wer an Silvester vor Mitternacht vor dem obligatorischen Sekt zum Wachbleiben noch schnell einen Kaffee braucht sollte darauf achten, ob dieser „fair trade“ oder schön billig – also unter Inkaufnahme von Armuts- oder gar Todesopfern in den äquatorialen Erzeugerländern – erworben wurde.

Etwas beruhigend meinte Erich Kästner einst zum Jahreswechsel:

Wird’s besser, wird’s schlechter? fragen wir jährlich. Sein wir doch ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“

Also PROST!

(kommt von den alten Römern, den Weinliebhabern: pro sit = es möge nützen!)