Die Hiroshima-Panels

Die Maruki-Galerie für die Hiroshima-Panels wurde mit einem einzigen Ziel vor Augen gebaut: sicherzustellen, dass jeder jederzeit die Hiroshima-Panels sehen kann, die vom Ehepaar Iri und Toshi Maruki erstellt wurden.

Iri und Toshi waren Augenzeugen der Folgen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und begannen Ende der 1940er Jahre mit der Zusammenarbeit an ihrem charakteristischen Werk, den Hiroshima-Panels, zu einer Zeit, als Informationen über die Atombombenabwürfe durch die durchgesetzte Zensur noch streng eingeschränkt waren von US-geführten Besatzungstruppen. Die Marukis verbrachten während der Besatzung und in den folgenden Jahrzehnten viele Jahre damit, zu reisen und ihre Werke in verschiedenen Wechselausstellungen auszustellen (mit Veranstaltungsorten wie Bürgerzentren, Tempeln und Schulturnhallen), bevor sie ihre eigene Galerie zur Unterbringung der Hiroshima-Tafeln gründeten. 

Zusätzlich zu ihren nuklearbezogenen Werken arbeiteten die Marukis im Laufe ihrer Karriere weiterhin an einer Reihe von Kunstwerken zusammen, die sich umfassender mit Krieg, Umweltverschmutzung und anderen Formen der Gewalt befassen.

Die Hiroshima Panels (I) – (XIV) sind dauerhaft in der Maruki Gallery ausgestellt.
* Die Hiroshima Panels (XV) “Nagasaki” sind im Atombombenmuseum Nagasaki ausgestellt.

Wir haben unseren Onkel durch die Atombombe verloren. Zwei junge Nichten wurden getötet. Unsere jüngere Schwester erlitt Verbrennungen und unser Vater starb nach sechs Monaten. Viele Freunde und Bekannte kamen ums Leben. Iri fuhr drei Tage nach dem Bombenabwurf mit dem ersten Zug von Tokio nach Hiroshima. Toshi folgte einige Tage später. Etwas mehr als zwei Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt stand noch das Haus der Familie.

Aber das Dach und die Dachziegel und Fenster wurden durch die Explosion weggeblasen, zusammen mit Pfannen, Schalen und Essstäbchen aus der Küche. Dennoch blieb das verbrannte Bauwerk bestehen, und dort hatten sich zahlreiche Verletzte versammelt und lagen von Wand zu Wand auf dem Boden. Wir trugen die Verletzten, verbrannten die Toten, suchten nach Nahrung und fanden verbrannte Blechplatten, um das Dach zu flicken. Mit dem Gestank des Todes und Fliegen und Maden um uns herum wanderten wir umher, genau wie diejenigen, die die Bombe erlebt hatten.

Anfang September kehrten wir nach Tokio zurück und erfuhren mit Sicherheit, dass der Krieg zu Ende war. In Hiroshima hatten wir die Kraft verloren, darüber nachzudenken, ob der Krieg zu Ende war oder nicht. Es vergingen drei Jahre, bis wir begannen, die Hiroshima-Panels zu bemalen. Wir zogen unsere Kleidung aus, um an Bilder aus dieser Zeit zu erinnern und sie zu zeichnen, und andere stimmten zu, für uns zu posieren, weil wir die Atombombe bemalten. Wir begannen darüber nachzudenken, wie ein 17-jähriges Mädchen eine Lebensspanne von 17 Jahren hatte und wie das Leben eines 3-jährigen Kindes drei Jahre gedauert hatte.

Für das erste Gemälde haben wir rund neunhundert menschliche Figuren, darunter auch die Skizzen, gemalt. Wir dachten, wir hätten eine große Anzahl gemalt, aber in Hiroshima starben bis zu 140.000 Menschen. Als wir weiter malten und für die Seelen der Toten beteten, in der Hoffnung, dass es nie wieder passieren wird, wurde uns klar, dass wir sie nie alle malen könnten, selbst wenn wir unser ganzes Leben lang malen würden. Eine Atombombe in einem Augenblick verursachte den Tod von mehr Menschen, als wir jemals darstellen konnten. Langanhaltende Radioaktivität und Strahlenkrankheit führen dazu, dass Menschen auch jetzt noch leiden und sterben. Das war keine Naturkatastrophe. Während wir durch unsere Gemälde malten, gingen uns diese Gedanken durch den Kopf.

Maruki Iri
Maruki Toshi

ICH
Geister

Es war eine Prozession von Geistern.
Die Kleidung brannte im Handumdrehen. Hände, Gesichter, Brüste schwollen an; bald platzten violette Blasen und die Haut hing wie Lumpen.
Eine Prozession von Geistern, die Hände vor sich gehalten. Sie zogen ihre zerrissene Haut mit sich, fielen erschöpft, stapelten sich ächzend aufeinander und starben.
Im Zentrum der Explosion erreichte die Temperatur sechstausend Grad. Ein menschlicher Schatten wurde auf Steinstufen geätzt. Verdampfte der Körper dieser Person? War es hin und weg? Niemand bleibt übrig, um uns zu sagen, wie es in der Nähe des Hypozentrums war.
Es gab keine Möglichkeit, ein verkohltes, blasiges Gesicht von einem anderen zu unterscheiden. Stimmen wurden ausgedörrt und heiser. Freunde würden ihre Namen sagen, sich aber trotzdem nicht wiedererkennen.
Ein einsames Baby schlief unschuldig und hatte eine wunderschöne Haut. Vielleicht überlebte es, geschützt durch die Brust seiner Mutter. Wir hoffen, dass zumindest dieses eine Kind erwacht, um weiterzuleben.

1950 Sumi Tinte, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

II
Feuer

“Pika!” Ein kräftiger blau-weißer Blitz. Die Explosion, der Druck, der Feuersturm nie auf der Erde oder im Himmel hatte die Menschheit eine solche Explosion erlebt. Im nächsten Moment brachen Flammen aus und sprangen himmelwärts. Das Feuer brach die Stille über den grenzenlosen Ruinen und brüllte.
Einige lagen bewusstlos da und wurden von heruntergefallenen Balken festgehalten. Andere, die wieder zu Sinnen kamen, versuchten, sich zu befreien, wurden jedoch von dem purpurroten Feuer umhüllt.
Glasscherben durchbohrten Bäuche, Arme wurden verdreht, Beine knickten ein, Menschen stürzten und verbrannten bei lebendigem Leibe.
Eine Frau umarmte ihr Kind und kämpfte darum, sich unter einem umgestürzten Pfosten zu befreien.
“Beeilen Sie sich! Beeilen Sie sich!” Jemand rief. “Es ist zu spät.” “Dann gib uns das Kind.” “Nein, du rennst. Ich werde mit meinem Kind sterben. Sie würde nur noch durch die Straßen wandern.”
Die Frau schob die helfenden Hände weg und wurde von den Flammen verzehrt.

1950 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

III
Wasser

In der Mitte des Hügels befanden sich Berge von Leichen, die mit Köpfen aufgetürmt waren. Sie waren so gestapelt, dass ihre Augen, Münder und Nasen so wenig wie möglich zu sehen waren.
In einem noch unbebauten Hügel bewegte sich der Augapfel eines Mannes und starrte. Lebte er noch? Oder hatte eine Made sein totes Auge bewegt?
Wasser! Wasser! Die Menschen wanderten umher und suchten nach Wasser. Auf der Flucht vor den Flammen weinend nach Wasser, um ihre sterbenden Lippen zu benetzen. Eine verletzte Mutter floh mit ihrem Kind ans Flussufer. Sie schlüpfte in tiefes Wasser und kletterte an den Untiefen entlang. Als das wütende Feuer den Fluss verschlang und hin und wieder anhielt, um ihr Gesicht zu benetzen, rannte sie weiter, bis sie schließlich an diese Stelle kam. Sie bot ihrem Kind eine Brust an und stellte fest, dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte.
Das Bild von Madonna und Kind aus dem zwanzigsten Jahrhundert: eine verletzte Mutter, die ihr totes Kind wiegt. Ist das nicht ein Bild der Verzweiflung? Mutter und Kind sollen, müssen ein Symbol der Hoffnung sein.

1950 Sumi Tinte, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

IV
Regenbogen

Ein nackter Soldat stand nur mit Stiefeln und Schwert da. Junge Soldaten mit gebrochenen Armen und zerquetschten Beinen. Die Verletzten liefen ziellos, ihre zerlumpte Haut war mit Decken bedeckt.
Es gab keinen Ton, nur Totenstille. Dann zeigte ein verrückter Soldat zum Himmel und schrie immer und immer wieder, “Ein Flugzeug! A B-29!” Es war kein Schatten eines Flugzeugs zu sehen. Verletzte Pferde, rasende Pferde liefen amuck.
Amerikanische Flieger, die kamen, um Japan zu bombardieren, waren festgenommen und in einer Hiroshima-Kaserne untergebracht worden. Die Atombombe tötete Freund und Feind gleichermaßen. Zwei Soldaten lagen zerknittert auf der Straße in der Nähe der Kuppel, ihre Handgelenke noch gefesselt.
Der hoch in die Luft geblasene Rauch und Staub bildete eine Wolke, und bald strömten große Regentropfen vom ansonsten klaren Himmel herab. Ein Regenbogen wölbte sich über diese geschwärzte Kuppel. Der siebenfarbige Regenbogen glänzte mit Brillanz.

1951 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

V
Jungen und Mädchen

Sie lagen tot in Haufen am Flussufer und zeigten mit dem Kopf auf das gesuchte Wasser. Als sie den Fluss erreicht hatten, blieb das Wasser unterhalb des Steilufers unerreichbar und sie starben mit ungelöschtem Durst.
Schulkinder wurden mobilisiert, um beim Bau von Brandschneisen zu helfen. Viele Klassen wurden vollständig vernichtet.
Zwei Schwestern hielten sich gegenseitig die verwandelten Figuren. Andere junge Mädchen starben ohne Kratzer am Körper.
Als er dieses Gemälde sah, erzählte uns ein Zimmermann, der der Bombe ausgesetzt war, “Meine Tochter ist die einzige Überlebende ihrer Klasse. Aber ihre Finger waren zusammengedreht und verbrannt, ihr Gesicht verschmolz mit ihrer Kehle und sie kann nicht gehen. Ihr Körper ist seitdem nicht mehr gewachsen, als sie dreizehn Jahre alt war.”

1951 Sumi Tinte, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

VI
Atomwüste

Nichts zu essen, keine Medizin. Kein Schutz vor dem fallenden Regen. Kein Strom, keine Zeitungen, kein Radio, keine Ärzte. Maden brüteten auf Leichen und Verwundeten, Fliegenwolken wimmelten und summten. Der Geruch von Leichen hing am Wind.
Die Menschen wurden nicht nur körperlich verletzt, auch ihre Stimmung war tief verletzt.
Eine Frau, die nicht darauf achtete, ihre zerlumpte Haut zu bedecken, suchte nach ihrem Kind. Sie wanderte tagelang umher.
Auch heute noch werden in Hiroshima manchmal menschliche Knochen ausgegraben.

1952 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

VII
Bambushain

Viele suchten Schutz in einem Bambushain. —Es war kein Erdbeben, aber was war es? —Könnte es eine Ansammlung von Brandbomben gewesen sein? —Es war eine Bombe, nein, ein Todesstrahl. —Auf jeden Fall gab es ein Flash—pika—dann ein dröhnendes Donner—don. —Nr. In Hiroshima haben wir keinen Donner gehört. Es war so groß, es gab nur einen Blitz.
Sie sprachen weiter über diesen Moment. Am Stadtrand von Hiroshima gab es viele Bambushaine, und die Atombombe verbrannte den Bambus auf einer Seite. Die Obdachlosen suchten in den Hainen Zuflucht. Und einer nach dem anderen hauchten sie ihren letzten Atemzug.
Die Leute riefen uns um Hilfe, aber uns fehlte der Mut, zu ihnen zu gehen. In unserem Haus war kein Platz mehr für Verletzte.
Unter der Mitaki-Brücke befand sich ein Leichenhaufen. Eine Person, die dort hockte, schien am Leben zu sein, aber wir konnten weder Alter noch Geschlecht erkennen. Am Morgen des 26. August fiel der Kopf der Person nach vorne und sie starb. Die Bombe wurde am 6. August abgeworfen, sodass diese Person zwanzig Tage lang schweigend durchgehalten hatte. Es gab niemanden, der diese Leichen entsorgen konnte, und sie wurden erst bewegt, als ein Taifun im September sie ins Meer spülte.

1954 Sumi Tinte, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

VIII
Entlastung

Die Feuer brannten und brannten.
Menschen vom Land kamen, um nach Verwandten zu suchen, und führten sie aus der Stadt hinaus. Viele starben unterwegs.
Lange Schlangen wurden gebildet, um Rationen zu erhalten. Ein Mädchen starb in der Nähe und hielt immer noch ihre Portion Hartschrott in der Hand.
In den Körpern der Eltern des Mannes unserer Schwester waren Glasscherben eingelassen. Ihre Knöchel schwollen so groß an wie ihre Oberschenkel. Sie hatten in unserem Haus Zuflucht gesucht und wir beschlossen, sie zu ihrem ältesten Sohn zu bringen. Wir stellten sie auf einen Karren und zogen ihn bis nach Kaita, wobei wir durch das Zentrum der Explosion fuhren. Es regnete sanft.
Nach der Bombe regnete es oft in Hiroshima. Obwohl es August war, folgte ein kalter Tag auf den anderen.
Jemand hat es uns unter Schluchzen gesagt, “Ich habe meine Mutter verlassen. Ich weinte, ‘Verzeihen Sie mir!’” In dem hektischen Fluchtversuch mussten sich Ehefrauen und Ehemänner im Stich lassen, Eltern mussten ihre Kinder im Stich lassen.
Es vergingen viele Tage, bis die Hilfe organisiert wurde.

1954 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

IX
Yaizu

Die erste Atombombe wurde 1945 auf Hiroshima abgeworfen, gefolgt von einer zweiten Bombe auf Nagasaki.
1954 explodierte eine Wasserstoffbombe auf dem Bikini-Atoll. Die Besatzung der Daigo Fukuryu Maru, einem Fischerboot aus dem Hafen von Yaizu, wurde mit der Asche des Todes überschüttet. Sechs Monate später starb Kuboyama Aikichi. Dreimal sind die Japaner Atomwaffen zum Opfer gefallen.

[Nachwort, Mai 1983]
Nicht nur die Japaner, sondern auch Mikronesier in der Nähe des Bikini-Atolls wurden mit den tödlichen Folgen der Wasserstoffbombe bestäubt. Die gesamte Insel war verschmutzt. Diejenigen, die flohen, kehrten später in ihre Heimat Bikini zurück, nur um durch die Reststrahlung an Krebs und Leukämie zu erkranken. Viele leiden noch.
Yaizu und Bikini—a teilten das Schicksal.

1955 Sumi Tinte, Pigment, Kleber, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

X
Petition

Stoppt die Atombombe! Stoppen Sie die Wasserstoffbombe! Schluss mit dem Krieg!
Der Reiz der Mütter im Tokyoer Suginami Ward breitete sich in ganz Japan aus. Kinder, Mütter, Väter, Älteste und Arbeiter aller Art unterzeichneten die Petition.
Zum ersten Mal wurde dem gedämpften Schrei des Volkes eine Stimme gegeben und Millionen unterzeichneten die Petition für den Frieden.

1955 Sumi Tinte, Pigment, Kleber, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

XI
Mutter und Kind

Eltern waren gezwungen, unter umgestürzten Häusern festsitzende Kinder, verlassene Kinder, verlassene Ehemänner, verlassene Ehefrauen und Ehefrauen-Ehemänner im Stich zu lassen, alles auf hektischer Flucht vor dem Feuer. Das war zur Zeit der Atombombe Realität.
Doch mitten darin wurden viele Zeuge des wundersamen Anblicks überlebender Kinder, die fest in ihren toten Müttern und Armen gehalten wurden.

1959 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

XII
Schwimmende Laternen

Am 6. August füllen sich die sieben Flüsse von Hiroshima mit schwimmenden Laternen, auf denen die Namen von Vätern, Müttern und Schwestern eingraviert sind.
Die Flut ändert sich, bevor die Laternen das Meer erreichen, und sie werden vom Wellengang in die Stadt zurückgefegt. Jetzt erloschen, treibt die Masse der zerknitterten Laternen in den dunklen Strömungen des Flusses.
An diesem Tag flossen in der Vergangenheit dieselben Flüsse dicht mit Leichen.

1968 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

XIII
Tod der amerikanischen Kriegsgefangenen

Etwa dreihunderttausend Japaner starben durch die Atombomben, die Sie abgeworfen hatten. Aber Ihre Atombomben töteten auch dreiundzwanzig Jugendliche aus Ihrem eigenen Land. Amerikaner, die vor der Bombardierung Hiroshimas bei Luftangriffen von B-29 mit dem Fallschirm abgeworfen hatten, wurden dort als Kriegsgefangene festgehalten. Einige sagten, es gäbe auch weibliche Kriegsgefangene.
Wir fragten uns, wie sie aussahen, als sie starben, welche Kleidung, welche Schuhe sie trugen.
Wir gingen nach Hiroshima und waren schockiert über das, was wir entdeckten. Da die amerikanischen Kriegsgefangenen in unterirdischen Unterkünften nahe der Explosionsmitte festgehalten wurden, wären sie wahrscheinlich bald gestorben. Oder vielleicht haben einige gelebt. Doch bevor ihr Schicksal bekannt werden konnte, schlachteten Japaner sie ab, erfuhren wir.
Wir zitterten, als wir den Tod der amerikanischen Kriegsgefangenen malten.

[Anmerkung des Herausgebers]
Juni 2019: Schätzungen zufolge belief sich die Gesamtzahl der Todesopfer durch die Atombomben bis Ende 1945 in Hiroshima auf etwa 140.000 und in Nagasaki auf etwa 74.000. Diese Schätzungen stammen jedoch aus der Zeit um 1976 oder 1977; Früher ging man davon aus, dass allein in Hiroshima mehr als 200.000 Menschen gestorben seien. Über die Zahl der Menschen, die nach 1945 durch die Auswirkungen der Bomben ums Leben kamen, gibt es noch keine genauen Zahlen. Man geht heute allgemein davon aus, dass in Hiroshima 12 amerikanische Kriegsgefangene starben, obwohl früher angenommen wurde, dass die Zahl bei 23 lag. Es wurde gemunkelt, dass einige der Kriegsgefangenen Frauen seien, was jedoch nicht bestätigt wurde. Es gibt zahlreiche Augenzeugenberichte über einen Kriegsgefangenen, der an einen Pfosten am östlichen Ende der Aioi-Brücke gefesselt war, und über Menschen, die Steine auf ihn warfen.

1971 Sumi-Tinte auf Papier
180 × 720 cm

XIV
Krähen

Japaner und Koreaner sehen sich ähnlich. Wie könnte man ein gnadenlos verbranntes Gesicht von einem anderen unterscheiden?
“Nach der Bombe waren die letzten Leichen, die beseitigt wurden, die Koreaner. Viele Japaner überlebten die Bombe, aber nur sehr wenige Koreaner. Wir konnten nichts tun. Krähen kamen geflogen, viele von ihnen. Die Krähen kamen und fraßen die Augäpfel der koreanischen Leichen. Sie aßen die Augäpfel.” (Aus den Schriften von Ishimure Michiko.)
Koreaner wurden diskriminiert, sogar im Tod. Japaner diskriminierten, sogar Leichen. Beide waren asiatische Opfer der Bombe.
Wunderschöner Chima und Chogori, flieg zurück nach Korea, in den Himmel über die Heimat. Wir bieten dieses Gemälde demütig an. Wir beten.
Etwa fünftausend Koreaner starben massenhaft in Nagasaki, wohin sie als Zwangsarbeiter für die Mitsubishi-Werften gebracht worden waren. Ähnliche Geschichten gibt es über Koreaner in Hiroshima.
Allein in Südkorea leben heute fast fünfzehntausend Hibakusha, ohne dass ihr Status als Überlebende einer Atombombe offiziell anerkannt wird.

[Anmerkung des Herausgebers]
Juni 2019: Die Stadt Nagasaki schätzt, dass in Nagasaki zwischen 1400 und 2000 Koreaner der Bombe ausgesetzt waren. Die Gesamtzahl der außerhalb Japans lebenden Hibakusha ist nicht bekannt. Nach Angaben des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales wurden bis 2018 etwa 3.200 Menschen außerhalb Japans Atombombenüberlebendenzertifikate ausgestellt.

1972 Sumi-Tinte auf Papier
180 × 720 cm

XV
Nagasaki

In der Sammlung des Atombombenmuseums Nagasaki

Die Zielstadt Kokura war von dichten Wolken bedeckt, und die beiden B-29 flogen weiter zum Ausweichziel, dem Hafen von Nagasaki. Auch hier war die Sicht schlecht, so dass die Atombombe auf das Mitsubishi-Stahlwerk am Rande der Stadt abgeworfen wurde.
Die Bombe explodierte direkt über der katholischen Kathedrale in Urakami und tötete die Priester und diejenigen, die sich dort zum Gottesdienst versammelt hatten. Die Toten waren in endlosen konzentrischen Kreisen verstreut, mit der Kathedrale in der Mitte.
Die Nagasaki-Bombe bestand aus Plutonium und war stärker als die Hiroshima-Bombe. Noch eine Atombombe. Nagasaki war am Boden zerstört. Einhundertvierzigtausend Menschen starben.

1982 Sumi Tinte, Pigment, Leim, Kohle oder Conte auf Papier
180 × 720 cm

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© 1999-2025 Maruki-Galerie für die Hiroshima-Panels

Wozu verteidigungsfähig werden?

In diesen desaströsen und unübersichtlichen Zeiten ist es – voriges Jahr war ja das Kant-Jahr mit seiner Ermahnung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – doch dringend nötig, die richtigen Fragen zu stellen!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Autor Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.

Praxis und Theorie für politische Bildung

Diplomatie bedeutet Konfliktlösungen zu finden, indem unterschiedliche Interessen zum gegenseitigen Nutzen mit Argumenten ausgeglichen werden. Amerikas Präsident Donald Trump, gelernter Immobilien-Makler, nutzte dafür plakativ den Begriff Deal. Das Erörtern, Verhandeln und Argumentieren anstatt Drohung oder Anwendung von Gewalt soll bei uns schon in der Schule von der künftigen Elite gelernt werden.

T&T – Tarnen und Täuschen ist aber – wie wir jüngst von Ex-Kanzlerin Merkel im Zusammenhang mit der Aufrüstung der Ukraine durch den „Wertewesten“ belehrt wurden – offensichtlich die gegenwärtige Richtschnur für die politische Elite westlicher Prägung. Annalena Baerbock gar, als Außenministerin die oberste deutsche Diplomatin der Ampel-Regierung, drohte Russland im Ukrainekrieg an, es zu ruinieren.

Wie mit der zehnjährigen Inszenierung des Normandie-Formats über das längerfristige Ziel, die Ukraine für die NATO zu gewinnen, Russland getäuscht wurde, bis Putin sich das Verhandlungs-Kasperletheater nicht mehr gefallen ließ und einmarschierte, so arbeitete auch der als Friedensbringer angetretene amerikanische Präsident gegenüber dem Iran. Argumente, angebotene Deals nach dem ersten israelischen Bombardement, zwei Wochen Entscheidungsfrist – alles nur Finten der Amerikaner zur Ablenkung von der geheim gehaltenen Vorbereitung zum Einsatz der gewaltigsten konventionellen Bomben. Ausführlich, geradezu bewundernd beschrieben von der Süddeutschen Zeitung:

https://www.sueddeutsche.de/politik/news-aktuell-usa-angriff-iran-oelpreis-trump-li.3272797?sc_src=email_4300186&sc_lid=413898223&sc_uid=Rz0cmOy6oS&sc_llid=15434&sc_eh=

Dass der vormalige Black-Rock-Vorstandsvorsitzende und derzeitige deutsche Bundeskanzler mit seiner bewundernden Decksarbeit-Äußerung sich über Israels Bombardierung iranischer Atomanlagen freute, hat immerhin heftige Kritik in Deutschland verursacht:

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/nach-drecksarbeit-aussage-didi-hallervorden-erstattet-strafanzeige-gegen-friedrich-merz-li.2335239

Nicht nur für die politische Bildung wurde nun die Theorie des Argumentierens und Verhandelns für Konfliktlösungen aber völlig unglaubhaft. Die Eliten zelebrieren das Faustrecht.

Neue Forderung nach Kriegstüchtigkeit – „eine Art geistiger Epidemie“ ?

Zum 70. Todestag von Albert Einstein: Das Genie als Pazifist

Gastbeitrag von Karin Jansen. (Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.)

Zwar war der 70. Todestag Albert Einsteins schon am 18. April dieses Jahres. Aber die gegenwärtige öffentliche Debatte über Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung der Bundeswehr und der Ukraine sowie deren militärische Unterstützung durch EU und NATO gibt Anlass, Einsteins Beobachtungen und Argumente im Zusammenhang mit den Vorbereitungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein zu heben.

Es ist doch erstaunlich dabei festzustellen, wie wenig sich seit den Bemerkungen des Friedensnobelpreisträgers geändert hat.

Zum 70. Todestag von Albert Einstein: Das Genie als Pazifist

02.05.25 – Pressenza Berlin

Albert Einstein mit seiner ersten Frau Mileva Marić (Bild von wikimedia commons)

Einstein war nicht nur ein legendärer Physiker, sondern auch ein unerschrockener Friedensaktivist, der das Kriegstreiben seiner Zeitgenossen scharf kritisierte.

von Karin Jansen für die Berliner Zeitung

„Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon. Er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich scheint mir der Krieg ….“ Mit diesen drastischen Worten beschrieb Albert Einstein 1931 in einem Essay, was er zeit seines Lebens verabscheute: Gewalt, Militär, Krieg und blinden Gehorsam.

Der in Ulm geborene Einstein legte bereits kurz vor seinem 16. Lebensjahr die deutsche Staatsbürgerschaft ab und verließ Deutschland, um der Wehrpflicht zu entgehen. Stattdessen genoss er seine letzten Schuljahre in der liberalen Schweiz, glücklich darüber, dem autoritären preußischen Drill entkommen zu sein. Auch seine Karriere als Wissenschaftler startete, wenn auch holprig, in der Schweiz, wo er mit seiner ersten Ehefrau, der Physikerin Mileva, viele Jahre lebte.

Kritik an der allgegenwärtigen Kriegseuphorie

Im April 1914 fand sich Einstein, bereits mit der „Speziellen Relativitätstheorie“ samt seiner berühmten Formel E=mc² im Gepäck, in dem ihm eigentlich nicht sympathischen deutschen Kaiserreich ein. In Berlin erhielt er jedoch eine hervorragende Forschungsprofessur an der Universität, wird Mitglied der Physikalisch-Mathematischen Klasse der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften und übernimmt später die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik. Eine für ihn lukrative, aber auch sehr ambivalente Lebenssituation beginnt.

Seine hohen Stellungen in den eher konservativen Professorenkreisen halten ihn nicht davon ab, die allgegenwärtige Kriegseuphorie zu kritisieren, wenn auch in seinen privaten Briefen ins Ausland schärfer als gegenüber seinen deutschen Kollegen. An einen Freund im neutralen Holland schreibt er nach dem Kriegsausbruch im August 1914: „Unglaubliches hat Europa nun in seinem Wahn begonnen … In solchen Zeiten sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört …“

Aufforderung zum Verzicht auf Annexionen

So weigert sich Einstein, einen „Aufruf an die Kulturwelt“ zu unterschreiben, der den Angriffskrieg Deutschlands propagandistisch verteidigt und zunächst von 93 namhaften Vertretern aus Wissenschaft und Kultur unterstützt wird. Stattdessen schließt er sich einem Gegenmanifest an, in dem zur Schaffung einer dauerhaften europäischen Friedensordnung mit der Aufforderung zum Verzicht auf Annexionen aufgerufen wird.

Das Manifest fand wenig Zustimmung, doch Einstein wollte seine pazifistische Gesinnung nicht aufgeben. Im Gegenteil wurde er kurz darauf Gründungsmitglied des Bundes Neues Vaterland, dem auch der spätere Bürgermeister Berlins Ernst Reuter beitrat, in dem Pläne für ein friedliches Europa diskutiert und bedrängte Pazifisten unterstützt wurden.

In seiner Schrift „Meine Meinung über den Krieg“ legt Einstein konsequent seine Ablehnung jedwedes Krieges dar sowie die Notwendigkeit einer neuen staatlichen Ordnung in Europa, die europäische Kriege ausschließen müsse: „Die feinen Geister aller Zeiten waren darüber einig, dass der Krieg zu den ärgsten Feinden der menschlichen Entwicklung gehört, dass alles zu seiner Verhütung getan werden müsse.“

Er kritisierte den grassierenden Patriotismus, der die Kriegsstimmung anheizte und „dass der Verherrlichung des Krieges … von allen wirklichen Freunden menschlichen Fortschritts energisch entgegengewirkt werden muss.“ Schärfere Formulierungen wurden gestrichen. Mit dem unerwartet lange anhaltenden Krieg wurde der pazifistische Bund Neues Vaterland 1916 verboten.

„Die Zeit erinnert mich an die der Hexen-Prozesse“

Einstein stand den Menschen im Rausch ihrer Kriegseuphorie weiterhin fassungslos gegenüber. Er musste zusehen, wie viele seiner Kollegen mittlerweile für die Kriegsindustrie tätig wurden. In einem anderen Brief schilderte er die Situation als „eine Art geistiger Epidemie“. Er schreibt: „Wenn ich mit den Menschen rede, fühle ich das Pathologische des Gemütszustandes. Die Zeit erinnert mich an die der Hexen-Prozesse und sonstigen religiösen Verirrungen … Ich könnte mir die Menschen nicht vorstellen, wenn ich sie nicht vor mir sähe.“

Aufgrund seiner beruflichen Stellung war er gezwungen, auch willens, mit seinen Kollegen eine gute Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene fortzuführen, was von beiden Seiten gelang, indem alles Politische ausgeklammert wurde. Als Anfang Oktober 1918 die deutsche Regierung in ihrem aussichtslos gewordenen Kriegstreiben von den Amerikanern Frieden und Waffenstillstand erbat und in der Folge das deutsche Kaiserreich zerfiel, ist das für Einstein wie ein Befreiungsschlag.

1922 wird Einstein der Nobelpreis für Physik verliehen. Mit Ehefrau Elsa geht es immer öfter ins nichteuropäische Ausland zu Vortragsreisen und Forschungsaufenthalten, sodass seine Popularität weiter steigt. Der Austausch mit der internationalen Friedensbewegung verstetigt sich. Als die politischen Verhältnisse in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre immer reaktionärer wurden, wurde Einstein, auch zum Ärger seiner Kollegen, immer linker, schreibt der Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann.

Seine Auslandsreisen wurden daher ebenso beobachtet wie seine Aktivitäten in Deutschland. Alles wurde registriert: seine Aktivitäten in der Nachfolgeorganisation des verbotenen Bundes Neues Vaterland, in der 1921 gegründeten Deutschen Liga für Menschenrechte, in dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde des neuen Russland sowie im Kuratorium der Internationalen Arbeiterhilfe.

Korrespondenzen mit Gorki, Gandhi und Freud

Am Anfang der 1930er-Jahre hatte Einstein seine wichtigsten Entdeckungen vollbracht. Seinen wissenschaftlichen Beiträgen zur Physik folgten nun vermehrt politische Aktivitäten und persönliche Reflexionen.

Zu seinen reichlich geführten Korrespondenzen gehören auch Briefe mit Maxim Gorki, den er sehr schätzte, und Mahatma Gandhi, dessen Konzept der Gewaltlosigkeit ihn faszinierte. Ein Briefwechsel mit Sigmund Freud mit Fragen Einsteins zur psychologischen Beschaffenheit des Menschen wird mit dem Titel „Warum Krieg?“ im Jahr 1933 veröffentlicht. 1934 erfolgt die erstmalige Veröffentlichung seines Buches „Mein Weltbild“, in dem seine Gedanken, Vorträge, Briefwechsel, Bekenntnisse aus seinem Leben zusammengefasst sind.

Noch im Juli 1932 unterstützte er eine Kundgebung gemeinsam mit Heinrich Mann, Ernst Toller, Käthe Kollwitz und Arnold Zweig, um vor der „Gefahr einer Faschisierung“ zu warnen. Sie riefen zu einem Zusammengehen der Arbeiterparteien SPD und KPD zu einer „antifaschistischen Einheitsfront“ auf. Vergeblich. Die Nationalsozialisten wurden 1932 die stärkste Partei der Weimarer Republik. Einsteins Abreise im Dezember 1932 in die USA erwies sich als Segen. Wenige Wochen später wurde Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.

Den Nazis war Einstein als Jude, als Friedensaktivist, der den Sozialdemokraten und Sozialisten nahestand, und auch als Wissenschaftler dermaßen verhasst, dass direkt nach dem „Ermächtigungsgesetz“ im März 1933 gegen ihn ein Disziplinarverfahren zum Ausschluss aus der Akademie der Wissenschaften eröffnet wurde. Einstein war dem jedoch zuvorgekommen und hatte seinen Austritt aus der Akademie vom Ausland aus selber erklärt. Der Einstein-Biograf Albrecht Fölsing schreibt, dass dies zu einer unbeschreiblichen Wut im nun der NSDAP unterstehenden Ministerium geführt haben soll.

Einstein war jedoch alles andere als voller Hass, sondern ein zuversichtlicher, positiv und in Lösungen denkender Mensch. So schrieb er in „Mein Weltbild“: „Ich denke immerhin so gut von der Menschheit, dass ich glaube, dieser Spuk (der Krieg) wäre schon längst verschwunden, wenn der gesunde Sinn der Völker nicht von geschäftlichen und politischen Interessen durch Schule und Presse systematisch korrumpiert würde.“

Unterschrift unter das berühmte Russel-Einstein-Manifest

Vor dem Hintergrund der Ungewissheit, ob Hitler Nuklearwaffen entwickeln könnte, sah sogar Einstein sich gezwungen, dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt den Bau einer Atombombe zu empfehlen, die zu Einsteins Entsetzen in Hiroshima zum Einsatz kam. Zur dauerhaften Abschaffung der Kriegsgefahr erachtete er jedoch nicht das Wettrüsten, sondern „gemeinsame Aktionen“ der Nationen durch „friedliche Entscheidungen auf gesetzlicher Basis“ als notwendig.

Dazu sind heutzutage nationale wie internationale Organisationsstrukturen und Akteure vorhanden. Kurz vor seinem Tod am 18. April 1955 setzte er seine letzte Unterschrift unter das berühmte Russel-Einstein-Manifest, in dem von Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt vor der Gefahr eines Kernwaffenkrieges gewarnt wird.

Deutschland hat heute nach acht Jahrzehnten eines weitgehend friedlichen, von Kriegen verschonten Europas eine recht weitverbreitet pazifistisch sozialisierte Bevölkerung. Das ist ganz im Sinne Einsteins, denn damit einher geht ein hohes Maß an Eigenständigkeit, Bildung, Individualität, Humanität und Kreativität vieler Menschen.

Wenn wir zur besten Sendezeit jetzt eine bekannte Moderatorin sehen, die einen bekannten ehemaligen deutschen Diplomaten fragt: Wie können wir diese heutige (pazifistische) „DNA am schnellsten überschreiben?“, dann scheint es, dass Deutschlands Eliten im Kontext des Pazifismus den Rückwärtsgang eingelegt haben. Noch mehr, wenn der designierte Kanzler jetzt verkündet, er möchte wieder mehr „gesundes Nationalbewusstsein, Patriotismus“ erreichen und der Ukraine weitreichendere Waffen gegen Russland liefern.

Bei allem Verständnis für vernünftige Sicherheitspolitik angesichts veränderter Weltpolitik: Patriotische Emotionalisierung war gerade in Deutschland verhängnisvoll. Und wie Einstein schon sagte: „Frieden kann nicht mit Gewalt erhalten werden; er kann nur durch Verständnis erreicht werden.“

6. August – notwendige Anmerkungen zum Hiroschima-Tag

Der 6. August 1945, an dem die erste Atombombe über Hiroshima gezündet wurde, bezeichnet die eigentliche Zeitenwende. Als Tag Null bezeichnet der Philosoph Günther Anders den 6. August, der ein neues Zeitalter der Weltgeschichte eingeleitet habe.

Durch die Entwicklung der Atombombe und die Bereitschaft, sie einzusetzen, habe der Mensch erstmals gezeigt, dass er alles Leben auf diesem Planeten auslöschen kann. […]“ So beginnt ein fundierter Beitrag von Ute Rippel-Lau auf Telepolis, der unter https://www.telepolis.de/features/Zeitenwende-und-Hiroshima-9822288.html verlinkt ist und ausführlich die Hölle von Hiroshima beschreibt.

Wer vielleicht hoffte, im aktuellen sich liberal verstehenden Blätterwald (z. B. Süddeutsche, Neue Züricher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, HNA etc.) passende Meldungen zu finden, wurde zwar überwiegend enttäuscht, konnte aber bei der Berliner Zeitung fündig werden: https://www.berliner-zeitung.de/panorama/atombombenabwurf-ueber-hiroshima-erinnerung-mit-zukunft-li.375470

IPPNW-Pressemitteilung vom 05. August 2024:

Nie wieder Hiroshima, nie wieder Nagasaki: Jede Atomexplosion schadet Generationen

IPPNW fordert klares Bekenntnis gegen Atomwaffentests

Die IPPNW gedenkt der Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und fordert anlässlich des 79. Jahrestages ein klares Bekenntnis der internationalen Gemeinschaft gegen die Wiederaufnahme von Atomwaffentests. Atomexplosionen gefährden nicht nur die Gesundheit und das Leben heutiger Generationen, sondern auch die zukünftiger.

Die Abwürfe von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren nicht die einzigen atomaren Explosionen, die menschliches Leid und Umweltzerstörungen verursachten. Weltweit gab es über 2.000 Atomwaffentests, welche die Menschen in den ehemaligen Testgebieten noch heute belasten.
“Ein Blick in die Geschichte zeigt die Folgen der Atomwaffeneinsätze in Hiroshima, Nagasaki, den Marshallinseln, Kasachstan, Nevada, Algerien, Australien, Französisch-Polynesien, Lop Nor und anderswo: die Menschen leiden an Krankheiten und an den Umweltfolgen, teilweise bereits in fünfter Generation. Die IPPNW dokumentiert die Geschichten dieser Überlebenden und gibt ihnen eine Stimme. Wir fordern Gerechtigkeit für die Betroffenen und die Sanierung ihrer Regionen,” sagt Dr. Angelika Claußen, Co-Vorsitzende der IPPNW.

Aktuell droht eine Wiederaufnahme der Atomwaffentests. Berater*innen von Donald Trump stellten für den Fall einer erneuten Präsidentschaft die Idee vor, wieder Atomwaffenversuche durchzuführen. Auch das “Project 2025”, ein Manifest für eine mögliche Wiederwahl Trumps, sieht eine Wiederaufnahme der Atomtests vor.


Sollten die Vereinigten Staaten wieder Atomwaffen für Testzwecke detonieren, würde dies eine neue Ära des Leidens für Mensch und Umwelt einläuten. Die erneute Kontamination hätte massive Folgen für die Gesundheit und Lebensweise der betroffenen Bevölkerung. Zudem könnte es Russland und möglicherweise China provozieren, ebenfalls wieder Atomwaffen zu testen – was die katastrophalen Konsequenzen vervielfachen würde.

Seit 1996 gibt es ein internationales Atomtest-Moratorium, doch der Vertrag über ein umfassendes Verbot aller Atomtests konnte aufgrund fehlender Ratifikationen bisher nicht in Kraft treten. Eine Wiederaufnahme von Atomwaffentests wäre das Ende dieses Vertrages, der eine starke internationale Norm gegen Atomtests etablierte.

Derzeit halten die USA, Russland und China Teile ihrer Atomtestgelände für eine Wiederaufnahme der Tests bereit. Einige Expert*innen bezweifeln jedoch, dass eine Rückkehr zu unterirdischen Explosionen nach 30 Jahren ohne unverhältnismäßigen Aufwand machbar sei. Die USA verfügen über genügend Daten aus alten Tests, um hochpräzise Testsimulationen durchzuführen, die die Erweiterung und Modernisierung des nuklearen Arsenals ermöglichen. Russland und China führten weniger Atomwaffentests durch und investierten weniger in deren computergestützte Simulation. Für sie wäre eine Wiederaufnahme von Atomtests durch die USA eine Gelegenheit, selbst mehr Daten zu sammeln. Eine solche Entwicklung muss unbedingt verhindert werden, da die Konsequenzen für die Menschheit und die Ökosysteme verheerend wären.

Ein Verbot von Atomwaffentests ist ein Bestandteil des UN-Atomwaffenverbotsvertrags, der 2021 in Kraft trat und von knapp der Hälfte aller Staaten unterschrieben wurde.


Weitere Informationen:
IPPNW-Website zu den Geschichten von Überlebenden der Atomwaffentests: survivors.ippnw.de
„Zeitenwende und Hiroshima“, Gastbeitrag von IPPNW-Vorstandsmitglied Ute Rippel-Lau
„Geschichte zeigt: Atomwaffen sind keine Sicherheitsgarantie“, Gastbeitrag von IPPNW-Mitglied Rolf Bader

Sehr beeindruckende Dokumentation über den Gebrauch von Atombomben:

https://www.spiegel.de/geschichte/atomare-wuesten-im-niemandsland-der-strahlenkatastrophe-a-947157.html#fotostrecke-2d9178f7-0001-0002-0000-000000107025

https://www.ippnw.de/startseite/artikel/de/nie-wieder-hiroshima-nie-wieder-nag.html

dpa_7420995_atombombe_hiroshima

Immer noch aktuell: Text des Kasseler Friedensforums 2023

Am 6. August 1945 warf ein US-Kampfbomber über Hiroshima die erste Atombombe ab. Nur drei Tage später, am 9. August, folgte der Abwurf einer Plutoniumbombe auf Nagasaki.

In Hiroshima waren in einem Umkreis von einem halben Kilometer 90% der Menschen sofort tot. Es folgten eine ungeheure Druckwelle und Feuerstürme mit 250 km/h, mit Bodentemperaturen von 1000º C. Bereits nach 4 Monaten waren an den unmittelbaren Folgen in Hiroshima 136.000 und in Nagasaki 64.000 Menschen gestorben. Und das Leiden und Sterben ging und geht weiter…..

Haben die Menschen aus der Atombombenkatastrophe gelernt?

Nein! Die neun Atomwaffenstaaten, an der Spitze Russland und die USA, verfügen weiterhin nach Stand Anfang 2023 über 12512 Nuklearwaffen. Die Verpflichtung zur Abrüstung, die sich aus dem Atomwaffensperrvertrag ergibt, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Das atomare Wettrüsten ist im vollen Gang. Die wachsende Rivalität der Großmächte, offene Drohungen sowie das Risiko eines technischen oder menschlichen Versagens, lassen das Schlimmste befürchten.

Ja! Am 8. Juli 1996 hat der Internationale Gerichtshof festgestellt, dass die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen völkerrechtswidrig sind.

Am 26. März 2010 forderte der Bundestag fraktionsübergreifend die Bundesregierung auf, sich für den Abzug der in Büchel/Eifel verbliebenen US-Atombomben einzusetzen.

Nein! Dieser Beschluss wurde bis heute von keiner Bundesregierung umgesetzt. Die Modernisierung dieser Atombomben wird sogar von der Bundesregierung mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt.

Ja! Am 7.Juli 2017 beschlossen 122 der 193 UN-Mitgliedsstaaten einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen. Dieser trat am 22. Januar 2021 in Kraft. Bis September 2022 haben den Vertrag 91 Staaten unterzeichnet und 68 ratifiziert.

Nein! Die Bundesregierung hält daran fest, sich an der nuklearen Drohung der US-Amerikaner zu beteiligen, was als „nukleare Teilhabe“ bezeichnet wird. Das bedeutet: Kein Beitritt zum Atomwaffenverbots-Vertrag, Kauf von atomwaffenfähigen F 35-Kampfjets.

Zusätzlich einigten sich Deutschland, Frankreich und Spanien am 18.11.22 endgültig auf das Luftkampfsystem (FCAS), bestehend aus Kampfjets und Drohnen. Das Projekt wird durch unterschiedliche Interessen der beteiligten Rüstungskonzerne verzögert.

Ja! Die Stadtverordnetenversammlung Kassel beschloss am 20. Mai 2019, den ICAN-Städte-Appell zu unterstützen. Dieser Appell sollte den Druck auf die Bundesregierung erhöhen, den UN-Vertrag zum Atomwaffenverbot zu unterschreiben.

Nochmal Ja! Wir werden uns weiter einsetzen: Für den Abzug der US-Atombomben in Büchel/Eifel, für das Verbot von Atombomben, für Abrüstungsverträge, für eine Welt ohne Atomwaffen.

https://www.kasseler-friedensforum.de/755/vortraege/Nichts-gelernt-Atombombenabwuerfe-auf-Hiroshima-und-Nagasaki